WIR FORDERN
nachhaltiges
Handeln bei
Familienthemen

Positionspapier (Stand 20.01.2021)

Thüringer Familien in/nach der Krise

Mit der Corona-Krise hat sich das Leben aller Familien in nie geahnter Weise verändert. Jede Familie ist in unterschiedlicher Art und Weise betroffen. Sorgen, Überlastung und auch Ängste können den Alltag prägen. Sorgen um die wirtschaftliche Existenzsicherung und den Arbeitsplatz, um die persönliche Freiheit und die demokratischen Rechte sowie um die eigene Gesundheit und die der Angehörigen – vor allen Dingen aber um die Frage: Wie sieht die Zukunft für uns aus? Bei aller Wertschätzung dessen, was Bundes- und Landespolitik in beachtlicher Konstruktivität zur Bewältigung der Krise geleistet haben und weiter leisten, ist es das Anliegen der Familienverbände, den Blick auf die Leistung und die Bedürfnisse von Familien zu lenken. Familien haben Ruhe bewahrt und konstruktiv handelnd für den notwendigen gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Krisenbewältigung unter schwierigen Bedingungen gesorgt. Bisher gelingt es Familien mehr oder weniger erfolgreich neben Familie auch berufliche Verpflichtungen mit der Betreuung und Bildung ihrer Kinder zu vereinbaren. Sie zählen zu den Held*innen des Alltags! Vor besonderen Herausforderungen stehen dabei alle, die mit geringem Einkommen, persönlichen Handicaps, Kindern/Jugendlichen mit Beeinträchtigung, beengten Wohnverhältnissen, in alleiniger elterlicher Sorge oder/und pflegend, den Alltag mit ihren Kindern und Angehörigen – organisieren.

Die im Arbeitskreis der Familienorganisationen (AKF) zusammengeschlossenen Verbände wollen ein familienfreundliches Thüringen, in dem die Interessen von Familie gewahrt und bewährte familienpolitische Sicherungssysteme während und nach der Krise erhalten und gestärkt werden.

Unser Anliegen ist ein familienfreundliches Thüringen, in dem die in der Krise erkannten Schwachstellen beseitigt und die Herausforderungen einer „krisenfesten“ Zukunft aufgegriffen werden. Wir setzen uns ein für ein Thüringen, in dem langfristig die Handlungsspielräume für Familie erhalten bleiben und Ursachen für Hilfebedürftigkeit von Familien beseitigt werden. Dafür bieten wir, die im Thüringer AKF organisierten Familienverbände, der Landes- und der Kommunalpolitik unsere Unterstützung bei der Bewältigung der Krise und der Gestaltung der Zukunft an.

Wir fordern – und bieten unsere Mitarbeit an

  • Frühzeitige Einbeziehung und Information der Familienverbände auf Landes- und kommunaler Ebene für zu entwickelnde Konzeptionen zur Überwindung der Corona-Krise und politische Abwägungen.
  • Die Initiative zur Einrichtung eines „Digitalen Runden Tisches Familie“ begrüßen und unterstützen wir. Dafür ist der AKF geeigneter Ansprechpartner, weil er die Vielfalt der Thüringer Familien kennt und abbildet.
  • Eine Strategie zur digitalen Beschulung in Thüringen in der Pandemiezeit unter Berücksichtigung der tatsächlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten und der mehrdimensionalen Unterstützungsbedarfe von Kindern, Familien, Schulen und Fachkräften.
  • Indikatoren für die Öffnung von Kindertagesstätten und Schulen/Förderschulen und Einrichtungen im SGB VIII nach Stufenplan und mit Blick auf geänderte Rahmenbedingungen (wie z.B. geimpfte Heimbewohner und alte Menschen) überarbeiten, Regelungen konkretisieren und transparent kommunizieren. Familien brauchen ein Ausstiegszenario aus den aktuellen Einschränkungen. Besonders wenn die aktuellen Inzidenzen sich nicht verändern.
  • Im Sinne von Prävention im Kinderschutz den verbindlichen Auftrag von KitaFachkräften zu aktiver Kontaktaufnahme und Beziehungspflege mit Familien und Kindern, welche nicht von der Notbetreuung in der Kita profitieren können.
  • Sicherstellung der Notbetreuung sowie ggf. pädagogisch qualifizierte Betreuungsdienste für (Ein-Eltern-)Familien und Familien mit behinderten oder sehr pflegeintensiven Familienangehörigen in für sie nur schwer zu bewältigenden Lebenslagen (SGB VIII), insbesondere Wohnsituationen und sozialem Miteinander. Die aktuell erweiterte Notbetreuung hängt insbesondere von den Zugängen und der damit verbundenen Stigmatisierung der betroffenen Kinder und Eltern ab. Die Schulen und Einrichtungen sind gefordert, hier praktikable Zugänge zu ermöglichen und diese auch sicherzustellen
  • sozialpädagogische Familienhilfe muss als gesetzliche Pflichtaufgabe den betroffenen Familien in allen Landkreisen bedarfsgerecht zur Verfügung stehen
    Erschließung zusätzlich erforderlicher Raumkapazitäten durch Nutzung öffentlich geförderter Einrichtungen einschließlich deren Ressourcen (z.B. technische, Endgeräte, W-LAN etc.) der Verbände und ggf. gewerblicher Anbieter (z.B. Hotels, Gastronomie, Bildungsträger) für frühkindliche Betreuung und Förderung (Logo- Ergotherapie sowie besonderer Förderangebote, Beschulung von Kindern aller Altersklassen sowie familienstärkende Betreuungsangebote) verbunden mit Hygienekonzepten
  • Eigenverantwortung und Mündigkeit der Familien ernst nehmen und Eigeninitiativen in Hinblick auf alternative Betreuungsformate etc. durch entsprechende verbindliche Rahmenbedingungen ermöglichen.
  • Junge Menschen, die bislang eine Unterstützung über das Bildungs- und Teilhabepaket für Mittagsversorgung in Kita und Schule erhalten haben, müssen darauf derzeit verzichten und einkommensschwache Familien müssen diese Versorgung zu Hause sicherstellen. Wir unterstützen den Vorstoß, die damit eingesparten Mittel unbürokratisch an die Familien auszuzahlen. Bei 3 Euro pro Tag wären das 90 Euro für jedes Kind im Monat.
  • Unterstützung für pflegende Familienangehörige, die derzeit ihren zu pflegenden Angehörigen nicht teilstationär oder stationär versorgen können bzw. dürfen. Die Unterstützung muss arbeitsrechtlich, im Hinblick auf Lohnersatz und im Hinblick auf Unterstützung durch ambulante Dienste erfolgen.
  • Umgehende, deutliche Aufstockung der Verhinderungspflege von aktuell 1.612 € pro Jahr für die Familien, welche ihre schwerstbehinderten Kinder und Jugendlichen derzeit wegen fehlender Angebote in den Förderschulen zu Hause betreuen.
  • Als Grundlage für Entwicklungs-, Handlungs- und Entscheidungsperspektiven regen wir dringend Studien zu den u.a. psychosozialen Auswirkungen auf Familien, junge Menschen und Kinder an.
  • Langfristig: Maßnahmen der Familienbildung und Familienerholung sind vor dem Hintergrund dringender Familienentlastung unter Berücksichtigung der geforderten Schutzmaßnahmen und -konzepte zu ermöglichen und sicherzustellen, d.h. Transparenz und Perspektiven für Familien zu schaffen, unter welchen Bedingungen Familienurlaube möglich sind. Wünschenswert wäre die Wiederauflage des Sonderprogramms Familienerholung für alle Thüringer Familien auch im Jahr 2021
    Langfristig: Die Häuser der Familienerholung (Familienferienstätten etc.) müssen weiterhin gefördert und erhalten werden.
  • Die Punkte sind nicht abschließend, sondern resultieren aus unserer Sorge über dringende familienpolitische Herausforderungen und unserem Bemühen, konstruktiv sowohl auf Landesebene als auch in den Kommunen zur Überwindung der Krise beizutragen. Sie werden bedarfsgerecht und regelmäßig fortgeschrieben. Wir wollen unser Wissen, die Erfahrungen und Ideen von Familien und unsere Ressourcen der Landes- und Kommunalpolitik zur Gestaltung eines zukunftsorientierten familienfreundlichen Thüringens zur Verfügung stellen.