WIR FORDERN
nachhaltiges
Handeln bei
Familienthemen

Positionspapier (Aktualisiert am 20.07.2021)

Thüringer Familien in/nach der Krise

Mit der Corona-Krise hat sich das Leben aller Familien in nie geahnter Weise verändert. Jede Familie ist in unterschiedlicher Art und Weise betroffen. Sorgen, Überlastung und auch Ängste können den Alltag prägen. Sorgen um die wirtschaftliche Existenzsicherung und den Arbeitsplatz, um die persönliche Freiheit und die demokratischen Rechte sowie um die eigene Gesundheit und die der Angehörigen – vor allen Dingen aber um die Frage: Wie sieht die Zukunft für uns aus? Bei aller Wertschätzung dessen, was Bundes- und Landespolitik in beachtlicher Konstruktivität zur Bewältigung der Krise geleistet haben und weiter leisten, ist es das Anliegen der Familienverbände, den Blick auf die Leistung und die Bedürfnisse von Familien zu lenken. Familien haben Ruhe bewahrt und konstruktiv handelnd für den notwendigen gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Krisenbewältigung unter schwierigen Bedingungen gesorgt. Bisher gelingt es Familien mehr oder weniger erfolgreich neben Familie auch berufliche Verpflichtungen mit der Betreuung und Bildung ihrer Kinder zu vereinbaren. Vor besonderen Herausforderungen stehen dabei alle, die mit geringem Einkommen, persönlichen Handicaps, Kindern/Jugendlichen mit Beeinträchtigung, beengten Wohnverhältnissen, in alleiniger elterlicher Sorge oder/und pflegend, den Alltag mit ihren Kindern und Angehörigen – organisieren.

Gerade jetzt in einer Zeit wie dem Sommer, in der die Inzidenzen sinken, ist es wichtig den Blick darauf zu lenken, dass Familien und Kinder einerseits auftanken und sich erholen können. Andererseits ist es mit dem Wissen, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist wichtig, auf Rahmenbedingungen zu schauen, die in einer möglichen nächsten Welle für Familien wichtig sind.

Gleichzeitig muss der Blick auf eine Zeit nach dem Ende der Corona-Pandemie geworfen werden. Welche Lehren müssen wir aus der Pandemie ziehen und wie müssen wir mit entstandenen Schäden umgehen? Die Vorbereitung auf die Zeit nach der Pandemie beginnt jetzt.

Die im Arbeitskreiszusammengeschlossenen Verbände wollen ein familienfreundliches Thüringen, in dem die Interessen von Familie gewahrt und bewährte familienpolitische Sicherungssysteme während und nach der Krise erhalten und gestärkt werden. Die in der Krise erkannten Schwachstellen sollen beseitigt und die Herausforderungen einer „krisenfesten“ Zukunft aufgegriffen werden. Wir setzen uns ein für ein Thüringen, in dem langfristig die Handlungsspielräume für Familie erhalten bleiben und Ursachen für Hilfebedürftigkeit von Familien beseitigt werden. Dafür bieten wir, die landesweit organisierten Familienverbände, der Landes- und der Kommunalpolitik unsere Unterstützung bei der Bewältigung der Krise und der Gestaltung der Zukunft an.

Wir fordern - und bieten unsere Mitarbeit an (Stand 20.07.2021):

  • Frühzeitige Einbeziehung und Information der Familienverbände auf Landes- und kommunaler Ebene für zu entwickelnde Konzeptionen zur Überwindung der Corona-Krise und politische Abwägungen.
    Die Initiative zur Einrichtung eines „Digitalen Runden Tisches Familie“ begrüßen und unterstützen wir. Dafür ist der AKF geeigneter Ansprechpartner, weil er die Vielfalt der Thüringer Familien kennt und abbildet.
  • Wir erwarten eine Änderung in der Strategie der Bekämpfung des Virus, die nicht mehr einseitig auf Kosten der Kinder und damit der Eltern geführt wird.
    In den umfassenden Studien zu den Erfahrungen junger Menschen („JuCo“) sowie Kindern und Eltern („KiCo“) während der Corona-Pandemie wurde eine Erkenntnis sehr deutlich: „Die Ergebnisse (…) zeigen klar auf, dass sich junge Menschen während der Corona-Zeit nicht ausreichend gehört fühlen.“ Ein Gefühl, das im Laufe der Pandemie deutlich zugenommen hat. Zusätzlich fühlen sich viele Jugendliche reduziert auf ihre Rolle als Schüler*innen und die alleinige Aufgabe, Bildungserfordernisse zu erfüllen.
  • Zukünftig muss eine Strategie entwickelt werden, wie die psychischen Belastungen junger Menschen behandelt werden können.
    Eine Mehrheit – mittlerweile jede*r Dritte – der Kinder und Jugendlichen leidet unter zunehmenden psychischen Belastungen und Gefühlen der Einsamkeit. (JuCo & KiCo-Studien)
  • Es darf keine Einschränkungen für Menschen und Familien geben, die bisher nicht geimpft werden durften. (Schwangere, Chronisch-Kranke, etc.) Auf Familien darf weder direkt noch indirekt Druck und Zwang zum Impfen aufgebaut werden. Familien brauchen umfassende Informationen, um gut informiert eine selbstbestimmte Entscheidung zu treffen.
  • Um den Betrieb der Schulen aber auch der Kindergärten krisensicherer zu ermöglichen, muss eine entsprechende nachhaltige Infrastruktur geschaffen werden.
  • Eine Strategie zur digitalen Beschulung in Thüringen in der Pandemiezeit unter Berücksichtigung der tatsächlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten und der mehrdimensionalen Unterstützungsbedarfe von Kindern, Familien, Schulen und Fachkräften ist notwendig.
  • Die Indikatoren für die Öffnung von Kindergärten und Schulen/Förderschulen und Einrichtungen im SGB VIII nach Stufenplan und mit Blick auf geänderte Rahmenbedingungen (wie z.B. geimpfte Heimbewohner und alte Menschen) müssen überarbeitet, Regelungen konkretisieret und transparent kommunizieret werden.
    Es ist zu prüfen, inwieweit die Stufen an die bundesweit gültigen Inzidenzen gekoppelt werden können.
  • In der letzten Welle sind einige Entscheidungen sehr spät getroffen und auch gegenüber den Betroffenen viel zu spät kommuniziert worden. Dazu zählen bspw. der Umgang mit Öffnung oder Schließung der Kindergärten oder Schulen, die Erstattung der betreuungsgebühren sowie die Frage, ob das pädagogische Personal geimpft werden kann. Wir erwarten eine Überarbeitung der Strategie hin zu klaren, verbindlichen Regeln, die längerfristig getroffen und nicht unter Zeitnot eingeführt werden. Familien brauchen Verlässlichkeit und Transparenz.
  • Wir begrüßen die in der aktuellen VO, dass auch in der Phase rot Beratungen seitens der Kinderschutzdienste Jugendberatung, der mobilen Jugendarbeit und der ambulanten Erziehungshilfen stattfinden und auch unter bestimmten Umständen direkte Kontakte möglich sind. Im Sinne von Prävention im Kinderschutz ist es jedoch auch notwendig gegenüber dem pädagogischen Personal in Schule und Kita einen verbindlichen Auftrag zur aktiven Kontaktaufnahme und Beziehungspflege mit Familien und Kindern, welche nicht von der Notbetreuung in den Kindergärten profitieren können, zu formulieren.
  • Es bedarf einer wissenschaftlichen Statusanalyse im Hinblick auf schulische Basiskompetenzen sowie der sozialen Situation von Kindern im Klassenverband. Hier sind zwingend die Eltern als erste Anwälte und Fürsprecher der Kinder mit hinzuzuziehen.
  • Im Bereich der Grundschule sollte der Fokus auf kulturellen Grundtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen) und der Kompetenz selbstmotivierten und selbstständigen Lernens liegen.
  • sozialpädagogische Familienhilfe wie überhaupt Hilfen und Unterstützungsleistungen der Kinder- und Jugendhilfe müssen als gesetzliche Pflichtaufgabe den betroffenen Familien in allen Landkreisen bedarfsgerecht zur Verfügung stehen. Die Jugendämter müssen ihre Ansprechbarkeit persönlich und/oder digital sicherstellen.
  • Parallel zur „Betreuungsentschädigung NRW“ braucht es eine finanzielle Kompensation, wenn Eltern durch fehlende Betreuungsmöglichkeiten einen Verdienstausfall haben.
  • Unterstützung für pflegende Familienangehörige, die derzeit ihren zu pflegenden Angehörigen nicht teilstationär oder stationär versorgen können bzw. dürfen. Die Unterstützung muss arbeitsrechtlich, im Hinblick auf Lohnersatz und im Hinblick auf Unterstützung durch ambulante Dienste erfolgen.
  • Eltern brauchen einen gesonderten Schutz vor Kündigungen. Eltern nutzen derzeit die neugeöffneten Betreuungsmöglichkeiten, um Arbeitszeitdefizite aufzuholen. Neben den zusätzlichen Kinderkrankentagen bedarf es Erholungszeit für die Eltern und eine Befreiung von Arbeitszeitdefiziten.
  • Familien brauchen Zeit miteinander. Wir sprechen uns deutlich für eine 4-Tage-Woche zugunsten von mehr Familienzeit und Druckreduzierung (Betreuung, Beruf, Pflege) aus.
  • Wir fordern eine digitale Plattform für Familien in Thüringen und monetären Ausgleich für die gemeinsame Freizeitgestaltung und Erlebnisse (Thüringer FamilienApp)
  • Darüber hinaus bedarf es einer umfassenden gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Aufarbeitung der Auswirkungen der Pandemie auf Familien. Unter den Perspektiven: Welche Leistungen haben Familien in der Pandemie aufgefangen? Welche positiven Erfahrungen haben Familien in der Pandemie gemacht? Welche negativen Entwicklungen resultieren aus der Corona-Pandemie? Wie ist der psychische und physische Gesundheitsstatus von Familien als Sozialverband und deren Individuen?

Die Punkte sind nicht abschließend, sondern resultieren aus unserer Sorge über dringende familienpolitische Herausforderungen und unserem Bemühen, konstruktiv sowohl auf Landesebene als auch in den Kommunen zur Überwindung der Krise beizutragen. Sie werden bedarfsgerecht und regelmäßig fortgeschrieben. Wir wollen unser Wissen, die Erfahrungen und Ideen von Familien und unsere Ressourcen der Landes- und Kommunalpolitik zur Gestaltung eines zukunftsorientierten familienfreundlichen Thüringens zur Verfügung stellen.